Der Bahn-Knigge

Guter Stil im ICE

ICE

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Nach einem langen Seminartag freue ich mich auf ein ruhiges Abteil im ICE. Ich habe deshalb in der Handyfreien Zone ein „Ruheabteil“ gebucht. Als ich dort ankomme, finde ich eine konzentrierte Businessrunde vor: Drei Geschäftsleute nutzen das „Chambre separé“ für eine interne Firmensitzung. Mein erster Eindruck: Ich störe… 

Dieses Bauchgefühl wird direkt von den Herren bestätigt: Ziemlich klar werde ich aufgefordert, gar nicht erst auf dem reservierten Sitz Platz zu nehmen und mir doch bitteschön ein anderes Abteil zu suchen.

Firmensitzung im Ruheabteil

Ich weise höflich auf meine Reservierung hin und frage die Runde genauso direkt, warum Sie für Ihre Sitzung gerade ein „Ruheabteil“ gebucht haben. Na, Sie sehn doch… Sie stören unsere Sitzung…!

Ich entscheide mich, keinen Aufstand zu proben und suche eine freie Alternative. Zwei Türen weiter werde ich fündig: Die Plätze sind zwar reserviert, aber ungenutzt. Nach meiner freundlicher Nachfrage, bieten die beiden Mitreisenden direkt einen Platz an. Es dauert eine Weile, dann wendet sich ganz unvermittelt mein Nachbar an mich: „Kennen Sie Rainer Wälde…?“

Spannender Dialog mit einem Zuschauer

Ich nicke überrascht und gebe mich zu erkennen. Glücklich strahlt mich der Businessmann an: „Hab ich mir doch gleich gedacht, dass Sie es sind!“ In den folgenden Minuten entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch: Seit Jahren verfolgt er meine Reisereportagen im Internet, die bei itunes und youtube gelistet sind und hat nach seiner Bekundung „etliche schon mehrfach gesehen“. Selbst einzelne Stationen meiner Reisen kann er mir auswendig vortragen – mir scheint es: Ich habe einen echten Fan getroffen.

Spontan nutze ich die Chance zu einer Zuschauerbefragung, bitte um ein kritisches Feedback, konkrete Verbesserungsvorschläge. Stolz klappt er sein Computer auf und präsentiert mir „meine Filmsammlung“ in seiner Mediathek.

Als ich nach einer Stunde in Frankfurt aussteige, ist der Ärger über das schlechte Benehmen im reservierten Ruheabteil längst vergessen. Für mich war dieser Tag eine wichtige Lehre: Aus anfänglichem Frust über fehlende Manieren, kann sich in kürzester Zeit eine inspirierende neue Erfahrung ergeben. Offensichtlich „sollte“ es so sein, damit ich diesen netten Zeitgenossen überhaupt treffen konnte.

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